Nina Rike Springer - Verdichtung

19. September - 24. Oktober 2014

 

Nina Rike Springer (geb. 1976) hat in Wien an der Universität für angewandte Kunst Fotografie und mediale Kunst studiert. Seit fast 10 Jahren arbeitet sie an einer Bildkonzeption, in der sie die medialen Strukturen von Fotografie und Malerei verwischt.

Das Themenspektrum kreist um die Darstellung der menschlichen Figur. Damit knüpft sie an ein zentrales Thema der österreichischen Moderne nach 1945 an. Von der Body Awareness von Maria Lassnig bis zu den aktuellen Arbeiten von Erwin Wurm.

Der Körper als Zeichen

Die Repräsentanz der menschlichen Figur, insbesondere des Körpers als Zeichen, ist das Charakteristikum in der Bildsprache von Nina Rike Springer. Nach anfänglicher Auseinandersetzung mit dem Konzept der living sculpture, das sie wie ein Tableau Vivant in den Fotoaufnahmen inszeniert, geht sie dazu über, den Körper als bildkonstituierendes Element in die zeichenhafte Komposition des Bildes einzusetzen. Uniformierte Personen, grüne Mäntel, weiße Anzüge und blaue Bademützen – nicht das Individuum, sondern eine Variable gelangt zur Darstellung, dabei ist die Badekappe längst zum Markenzeichen ihrer Arbeiten geworden.

Der Raum

Die Abbildungen zeichnen sich über eine klare Bildsprache aus, deren Wirkkraft vor allem auf der formalen Komposition, dem Verhältnis von Form, Fläche und Farbe beruht. Nina Rike Springer abstrahiert konkrete Objekte wie den Kubus zu flächigen, bildkonstituierenden Elementen, deren Realitätsgrad nicht mehr überprüfbar ist. Der konkrete Raum wird zu einer Bühne, die mit dem Auge nicht mehr vermessen werden kann. Die flächige und geometrisch bildnerische Struktur setzt eindeutige Akzente, die auf die Kompositionslehre im Bauhaus, insbesondere auf die theoretischen und formalen Überlegungen von Wassily Kandinsky in der Publikation „Punkt und Linie zu Fläche“ von 1925 verweisen.

In der großen Arbeit „Human Processors“ (2010-11) suggerieren schwebende Flächen, verbindungs- oder richtungsgebende Linien räumliche Relationen. Die präzisen und kraftvollen, in zwei Ebenen horizontal aufgereihten Körper erscheinen als ein Mensch-Maschine-System, das der Verrichtung mechanischer und zielgerichteter Tätigkeiten dient.

Nichts ist eindeutig, es ist nicht klar, ob die einzelnen Objekte real existieren oder ob es sich um fiktive, digital erzeugte Formen handelt. Ebenso in der Farbgebung. In dieser vorgenommenen Medialisierung und Virtualisierung erfolgt eine Befragung von Realität, Körper und Figur. Die Sondierung dieser Konzepte steht inhaltlich in Verbindung mit der Diskussion um Identitätsfindung, um hybride Rollencollagen, multiple Persönlichkeitskonstrukte oder Singularität. Nina Rike Springer entwickelt einen Bildbegriff, der sich in der Konkurrenz zwischen Figuration und Abstraktion sowie dem Einbezug von neuen Materialien und Medien darstellt. Im Hinblick auf Materialität, Dimension, Maßstab und Raum-Körper-Relationen bildet sich eine markante Zuspitzung des Realitätsbezugs bzw. dessen Auflösung ab, der in zweifacher Form zur Wirkung gelangt. In der Überzeichnung der einzelnen Figuren als hybride Gestalten erscheinen die bedrängenden Mechanismen als Abbildung von gesellschaftlichen Verhältnissen in all ihren Facetten, sowohl in grausamer als auch in humorvoller und ironischer Perspektive.

 

Dr. Andrea Madesta

 

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